Berufliche Ausbildung für Flüchtlinge in Thailand

Über Hunderttausend Flüchtlinge aus Myanmar sind in Camps entlang der thailändischen Grenze untergebracht. Perspektivlosigkeit und Frustration bestimmen ihren Alltag. Anna Krikun, Regionalkoordinatorin Südostasien & Pazifik, erzählt, wie ADRA den Flüchtlingen dabei hilft, wieder zurück in ein selbstbestimmtes Leben zu finden.

Die jungen Männer sind engagiert und lernen schnell dazu.

Männer und Frauen nehmen am Ausbildungskurs "Kochen und Backen" teil.

Die Speisen werden optisch attraktiv angerichtet.

Weiterbildungsangebot im Bereich Kosmetik.

Junge Männer lernen die Reparatur von Kleinkrafträdern.

Viele junge Frauen erlernen das Handwerk des Schneiderns.

Warum sind die Menschen aus Myanmar nach Thailand geflohen und wie leben sie dort?

In den vergangenen dreißig Jahren kam es auf Grund ethnischer Konflikte zu einem großen Flüchtlingsstrom von Myanmar nach Thailand. Die Flüchtlinge gehören ethnischen Minderheiten an, die in Myanmar Diskriminierung und Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt waren. Jetzt leben sie in Flüchtlingscamps entlang der Grenze zu Myanmar – einige schon seit Jahrzehnten. Zwar änderten sich durch die Neuwahlen im November 2010 die politischen Umstände in Myanmar und ein Waffenstillstand wurde vereinbart, aber den meisten Geflüchteten fällt es dennoch, schwer in ihre Heimat zurückzukehren.

Warum fällt es ihnen so schwer, ein Leben außerhalb der Flüchtlingscamps zu führen?

Viele von ihnen wurden bereits in den Flüchtlingscamps geboren und kennen das Leben außerhalb ihrer Einrichtung gar nicht. In den Camps werden sie zwar mit dem Nötigsten versorgt, aber sie müssen dort bleiben, weil sie in Thailand als illegal gelten. Es fehlt ihnen an Bildung und an sozialer Kompetenz, um sich außerhalb der Camps ein Leben aufzubauen.

Wie verhilft ADRA ihnen langfristig zu mehr Unabhängigkeit?

ADRA bietet in neun Camps mehrere berufliche Ausbildungsmöglichkeiten an, die es den Flüchtlingen ermöglichen, nach Myanmar zurückzukehren und dort eine Anstellung zu finden oder ein Geschäft auf selbstständiger Basis zu eröffnen. Jugendliche und junge Erwachsene können Kurse für verschiedene berufliche Qualifikationen belegen, darunter Kochen und Backen, Nähen, Haare schneiden, Reparatur von Kleinkrafträdern und Elektrogeräten, Computerkenntnisse, Hotelwesen und Bauen. Im Anschluss werden den erfolgreichen Kursteilnehmern Praktika in Thailand oder Myanmar in den entsprechenden Branchen vermittelt. Auf diese Weise können sie ihre erlernten Fähigkeiten praktisch anwenden und vertiefen. Daneben werden die Geflüchteten in so genannten „Life skills“ unterrichtet. Das bedeutet, dass diejenigen kognitiven, sozialen und persönlichkeitsnahen Kompetenzen gefördert werden, die notwendig sind, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Gerade in der informellen Wirtschaft, wie sie im ländlichen Myanmar vorherrscht, sind mehr als nur technische und unternehmerische Fähigkeiten notwendig. Wenn alle Kurse erfolgreich durchlaufen wurden, haben die Teilnehmer außerdem die Möglichkeit, ein kleines Startkapital für eine Geschäftseröffnung zu erhalten.

Das Hilfsprojekt läuft bereits seit 2015. Was hat ADRA seitdem erreicht?

Seit Beginn des Projektes haben 7.350 Jugendliche und junge Erwachsene eine Ausbildung erhalten. Von ihnen konnten 480 ein Praktikum machen und 450 haben eigene Businesspläne erstellt. Damit konnten auch die ersten Flüchtlinge die Camps verlassen und eine Anstellung in Myanmar finden oder haben dort eigene kleine Geschäfte eröffnet. Beispielsweise haben sie sich mit Handy- und Computerläden oder kleinen Restaurants selbstständig gemacht. Ein weiterer wichtiger Erfolg des Projektes ist, dass es sich bei 59 Prozent der Absolventen um Frauen handelt. In einer patriarchalischen Gesellschaft hilft Bildung den Frauen, unabhängiger zu werden und eine bessere gesellschaftliche Stellung zu erlangen.

Die erste Projektphase ist fast abgeschlossen. Wird das Projekt fortgesetzt?

Das Projekt wird um zwei weitere Jahre fortgesetzt. In diesem Zeitraum werden für 3.150 Absolventen des ersten Projektes weitere Kurse angeboten, in denen sie ihr Wissen und ihre Fähigkeiten weiter vertiefen können. Die Ausbildungsprogramme wurden insoweit weiterentwickelt, als dass sie den Arbeitsmarktbedingungen noch besser gerecht werden und so die Chancen auf eine Anstellung oder selbstständige Tätigkeit für die Jugendlichen und jungen Erwachsenen weiter verbessern. Außerdem werden voraussichtlich 300 Absolventen ein vier- bis achtwöchiges Praktikum in Thailand oder Myanmar absolvieren. ADRA strebt an, die Menschen so lange zu unterstützen, bis die Camps in einigen Jahren aufgelöst werden.

Anna Krikun, Regionalkoordinatorin Südostasien & Pazifik

 

Dieses Projekt wird unterstützt von:

Erfolgsgeschichten

Eh Paw lebte einst auf einem kleinen Bauernhof in Myanmar. Ihr Ehemann betrieb Viehwirtschaft, während sie sich um das Haus und die Kinder kümmerte. Aufgrund politischer Unruhen mussten sie alles aufgeben und leben seit zehn Jahren in einem Flüchtlingscamp in Thailand. Eh Paw hat vor kurzem ein Ausbildungsprogramm in Hotelwesen absolviert, was ihr viel Spaß gemacht hat. Schon bald möchte sie nach Myanmar zurückkehren und in diesem Bereich weiterarbeiten.

Mehrere junge Männer aus dem Flüchtlingscamp lernen in einem Elektronikgeschäft in Mea Sot, wie Waschmaschinen, Kühlschränke und andere elektronische Geräte repariert werden. Sie sind im Camp aufgewachsen und hatten bisher keine berufliche Perspektive. Durch das Ausbildungsprogramm sammeln sie erste Kenntnisse, die sie später weiter vertiefen können. Diese Fertigkeiten werden ihnen dabei helfen, in einem selbstständigen Leben außerhalb des Camps Fuß zu fassen.