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09. January 2012

Dieser Artikel wurde am
09. January 2012 By: Heinz-Hartmut Wilfert veröffentlicht.

Katastrophenvorsorge rettet Leben

Wie kann man sich auf eine mögliche Gefahr oder denkbare Katastrophe vorbereiten? In Deutschland wird diese Frage bestenfalls bei mehr oder weniger regelmäßig stattfindenden Notfall- und Katastrophenschutz-Übungen gestellt. Wer nicht gerade bei der Feuerwehr, beim THW oder anderen Rettungsdiensten beschäftigt ist, lässt derartige Veranstaltungen in der Schule oder Firma vielfach eher genervt über sich ergehen und geht anschließend direkt zur Tagesordnung über.

Naturkatastrophen nehmen stetig zu. Sie betreffen immer mehr Menschen, zerstören immer mehr Sachwerte – zunehmend auch in den hoch entwickelten Ländern. Die Frage der Vorbereitung geht also uns alle an.

Wie sollen wir damit umgehen?

Bei ADRA haben wir mit den Menschen, die in besonders gefährdeten Regionen leben, ganz praktische Schritte unternommen. Regelmäßig kämpfen sie gegen Hurrikans, Überschwemmungen, Erdrutsche oder Dürren. Seuchen aufgrund ungenießbaren Wassers oder Hunger durch Ernteausfälle fordern immer wieder Menschenleben. Opfer sind vor allem Kinder, betagte und geschwächte Personen. Entgegen mancherlei Annahmen wissen sie oft nicht, wie sie den Katastrophen begegnen können – sie sind ihnen schutzlos ausgeliefert.

In ihren Dorfgemeinschaften klären wir die Menschen deshalb über die Gefahren auf, mit denen sie rechnen müssen. Sie lernen die kritischen Stellen genauer kennen: Wo kann sich eine Muräne lösen, welchen Weg wird sie nehmen, welche Strukturen zerstören und welche Folgen wird das haben? Oder: An welchen Stellen genau wird sich Hochwasser sammeln, welche Stellen werden in welcher Reihenfolge unpassierbar? Aus diesen Faktoren ergibt sich eine detaillierte Planung der Fluchtwege für die Bevölkerung. Doch was finden die Menschen am Ende ihres Fluchtweges vor? Gibt es stabile, sichere Unterkünfte für alle? Wie funktioniert die Versorgung, wie wird die Hygiene gesichert? Wer löst den Alarm aus, leitet die notwendigen Maßnahmen bei Evakuierung und wer organisiert die Versorgung derer, die ihre Wohnungen verlassen mussten? All diese Kenntnisse müssen der Bevölkerung von einheimischen Fachkräften vermittelt werden, damit alle verstehen, wie sie sich zu verhalten haben und wie Panik vermieden werden kann. 

Natürlich ist das nur eine erste Reaktion auf eine mögliche Katastrophe. Für die Planung der Zukunft müssen wir gemeinsam mit den Einwohnern überlegen, ob bestimmte Gefahren zu vermeiden sind, indem zum Beispiel Rutschhanglagen gesichert werden oder ein Flusslauf reguliert wird. Und wenn die Kräfte der Natur nicht völlig gebändigt werden können, kann man ihre Auswirkungen durch geeignete Maßnahmen mildern?

ADRA schafft Hilfe zur Selbsthilfe

Nachhaltige Hilfe muss dafür sorgen, dass Menschen sich im Notfall selber zu helfen wissen. Bei steigender Anzahl von Notsituationen kann nicht jedes Mal die internationale Hilfsmaschinerie angeworfen werden. Sie wäre dadurch selbst überfordert und ständige Hilferufe würden die Spenderschaft auf Dauer ermüden oder abstumpfen lassen. Diese Tendenzen sind vermehrt erkennbar und zeigen sich in durchaus verständlichen Äußerungen wie: "Bei uns ist auch Not vorhanden!" 

Nachhaltige Hilfe hat einen integrativen Ansatz. Das bedeutet, nach der Nothilfe in einem Katastrophenfall, leistet ADRA Wiederaufbauhilfe. Diese mündet schließlich in die nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit. Es kann ja nicht sein, drei Wochen nach der Katastrophe die Menschen ihrem Schicksal zu überlassen oder durch Rehabilitation ihre Armut wiederherzustellen. Erst die sinnvolle Zusammenarbeit führt zur Selbständigkeit und Nachhaltigkeit. Wenn es gelingt, im wahrsten Sinne "stabile Verhältnisse" zu gewinnen, besteht die Chance, dass die nächste Notlage besser und eigenständiger bewältigt werden kann.

Erfolge der Katastrophenvorsorge sind sichtbar

  • Von ADRA gebaute Dämme in Bangladesh dienen nicht nur der Wasserregulierung und als Verkehrswege in normalen Zeiten. Bei Überschwemmungen bieten sie außerdem Zuflucht und Fluchtweg für Tausende.
  • Brücken, die im Irrawady-Delta von Myanmar Dörfer und Märkte verbinden sollten, haben wegen ihrer soliden Bauweise hunderten von Burmesen das Leben gerettet, als der Taifun Nargis weitreichende Überflutungen verursachte.
  • In Somalia konnten über hundert von ADRA gebohrte Brunnen und Tränken die Folgen der Dürre zwar nicht verhindern, aber doch lindern.
  • In Haiti hat sich der jahrelange Aufbau von Kliniken und medizinischer Versorgung nach dem massiven Erdbeben als wirksames Mittel im Sinne einer Katastrophenvorsorge erwiesen.
  • Ganz konkret haben Menschen im indischen Bihar spezielle Anleitungen erhalten und Strukturen für den Katastrophenfall geschaffen, damit sie nun selbst wissen, wie sie sich gegenseitig helfen und retten können.
  • In Nepal bedrohen Erdrutsche und Überschwemmungen zunehmend die Menschen. Sie lernen nun von einheimischen Fachkräften, die Gefahren besser einzuschätzen und Vorsorge für den Ernstfall zu treffen.

Was bleibt noch zu tun?

  1. Jede Katastrophe muss Anlass sein, vorbeugende Maßnahmen für die Zukunft zu ergreifen.
  2. Sofort- und Nothilfe müssen von Anfang an mit fließendem Übergang in die Arbeit des Wiederaufbaus eingeplant werden.
  3. Entwicklungsprojekte müssen den Aspekt der Katastrophenvorbeugung und –vorsorge in ihre Konzepte mit einbinden.