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23. Februar 2005

Dieser Artikel wurde am
23. Februar 2005 veröffentlicht.

Interview mit ADRA-Mitarbeiterin

Die ADRA-Projektkoordinatorin Gabriela Zipper war in Thailand, um sich ein Bild von der Situation zu machen und Projekte konkret zu planen.

"Nach fast zwei Wochen Aufenthalt sind Sie aus der Katastrophenregion in Thailand  zurückgekehrt.

Wie ist Ihr Eindruck von der allgemeinen Lage vor Ort"

"Grundsätzlich kann gesagt werden, dass seit der Katastrophe am 26.12.04 schon sehr viel vor Ort geschehen ist. Die Aufräumarbeiten sind im vollen Gange, die Stromversorgung ist wieder gewährleistet und die Menschen, welche ihr Zuhause verloren haben, sind alle in Notunterkünften untergebracht und werden mit dem Notwendigsten versorgt. Äußerlich präsentiert sich die Lage als geordnet. Eine ganz andere Sache ist natürlich die psychische Verfassung der Betroffenen, und die ist bei jedem anders. Einige können es kaum erwarten, wieder in ihre Dörfer – oder was davon übrig geblieben ist – zurückzukehren. Andere wiederum haben panische Angst vor dem Wasser und wollen weder in ihr Dorf zurückkehren, noch wollen sie ihren Beruf als Fischer wieder aufnehmen."

"Welche Hilfe wurde bereits von Seiten der Regierung Thailands geleistet?"

"Die Regierung hat in der kurzen Zeit unwahrscheinlich viel geleistet. Die vom Tsunami verwüsteten Landstriche wurden bereits fast vollständig vom Schutt befreit und die Infrastruktur ist in vielen Bereichen wieder hergestellt. Auch die betroffenen Menschen werden versorgt. Regierungsbeamte sind zurzeit unterwegs, um in den einzelnen Dörfern die Schäden zu erfassen, und die Höhe der Entschädigungszahlungen festzulegen. Es wird hier sehr präzise gearbeitet, was einerseits natürlich positiv ist, andererseits die dringend benötigte Unterstützung verzögert und die Menschen im Ungewissen lässt. Wenn man das Ausmaß der Katastrophe bedenkt, kann man sagen, dass die Regierung die Situation sehr gut gemeistert hat."

"Welche Hilfsmaßnahmen wurden bereits von ADRA eingeleitet oder sogar abgeschlossen"

"In der ersten Woche nach dem Tsunami hat ADRA Thailand rund 2.000 Familien mit Hilfspaketen unterstützt, welche Lebensmittel und Hygieneartikel enthielten. Des Weiteren wurden Freiwillige, die mit der Bergung von Todesopfern beschäftigt waren, mit Schutzkleidung ausgestattet. Diese beiden Maßnahmen sind bereits abgeschlossen. Zurzeit sichert das Team von ADRA-Thailand die Wasserversorgung in Übergangslagern. Im Ort Thung La Hor haben sie bereits zehn 2.000-Liter-Tanks aufgestellt, Wasserleitungen über mehrere Kilometer verlegt und Wasserversorgungsstellen eingerichtet."

"Welche weiteren Projekte sind geplant? Kann man überhaupt schon konkret planen?"

"Wir haben uns dazu entschlossen, nicht einzelne Projektmaßnahmen durchzuführen, sondern den Menschen in einem bestimmten Zielgebiet umfassende Hilfe zukommen zu lassen, welche sich über mehrere Jahre erstreckt. Wir haben ein integrierendes Programm ausgearbeitet, welches drei Schwerpunkte umfasst:

1) Viele Betroffene sind zurzeit nicht in der Lage, Entscheidungen über den zukünftigen Wohnort oder Beruf zu treffen, da der Schock über das Erlebte noch zu tief sitzt. Trotzdem sind sie auf ein Einkommen angewiesen. ADRA hat deshalb einen Fonds eingerichtet, aus welchem den Menschen für Wiederaufbauarbeiten, wie z. B. Aufräumarbeiten, Instandsetzung von Mangrovenwäldern etc. ein Lohn bezahlt wird, der sich nach dem von der Regierung festgelegten Tagessatz richtet. Die Betroffenen erhalten dadurch bezahlte Arbeit und können sich aktiv an den Wiederaufbaumaßnahmen beteiligen.

2) Der zweite Schwerpunkt liegt auf der Unterstützung der Menschen beim Wiederaufbau ihrer Existenzgrundlage, sei dies durch finanzielle Mittel, wie z. B. für den Kauf eines Fischerbootes oder Schreinerwerkzeug, oder aber durch Umschulungsmaßnahmen, wenn jemand nicht mehr in seinen angestammten Beruf zurückkehren will, zum Beispiel aus Angst vor dem Wasser.

3) Der dritte Schwerpunkt liegt im Bereich der Gesundheit. Hier sind in Zusammenarbeit mit dem adventistischen Krankenhaus in Phuket vier mobile Kliniken im gesamten vom Tsunami betroffenen Gebiet unterwegs. Eine mobile Klinik wird für die medizinische Versorgung der Menschen eingesetzt; eine weitere wird Traumabewältigung für Erwachsene anbieten, in der dritten Klinik wird Kindern bei der Traumabewältigung geholfen, und die vierte kümmert sich um Jugendliche, wobei hier schwerpunktmäßig Erlebnispädagogik eingesetzt wird.

Die genaue Planung ist momentan noch schwierig, da man zum jetzigen Zeitpunkt nicht genau absehen kann, wie viele Menschen in ihre angestammten Dörfer zurückkehren werden und wie viele ihren früheren Beruf wieder aufgreifen können oder wollen. Vordringlich ist im Moment, dass die Betroffenen eine bezahlte Arbeit haben und psychisch betreut werden. Alles andere wird sich erst zu einem späteren Zeitpunkt konkretisieren lassen."

"Ist die Versorgung mit Trinkwasser in der Zwischenzeit gesichert"

"Den Menschen steht zwar Trinkwasser in einer beschränkten Menge zur Verfügung, aber vielerorts gibt es kein Wasser zum Kochen und Waschen. Deshalb ist die Wasserversorgung immer noch ein vordringliches Problem, um welches sich die Mitarbeiter von ADRA Thailand im Moment kümmern. Aufgrund der Welle sind ehemalige Süßwasserquellen versalzen und es ist eine langwierige Angelegenheit, diese Quellen wieder soweit zu reinigen und herzustellen, dass sie wieder für den Menschen genießbares Wasser liefern. Wir gehen im Moment davon aus, dass es mindestens noch sechs Monate, wenn nicht sogar länger dauern wird, bis man sagen kann, dass die Wasserversorgung wieder gesichert ist."

"Gibt es Hindernisse für die Arbeit der Organisationen?"

"Neben den offiziellen Hilfsorganisationen gibt es auch sehr viele kleine Privatinitiativen. Es ist schön, dass sich so viele Menschen engagieren wollen und es ist auch verständlich, dass man selber mit Hand anlegen will. Allerdings ist es so, dass die Hilfsorganisationen ihre Hilfe sinnvoll aufeinander abstimmen. So verhindern sie einmal die Verdopplung der Hilfe, andererseits Unterversorgung. Privatinitiativen beginnen ihre Arbeit ohne die Koordinierung. Das kann bisweilen zu Irritationen und sogar kontraproduktiven Auswirkungen führen. Daher sollten wirklich alle zusammenarbeiten, um das Bestmögliche zu erreichen"

"Vielen Dank!"

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