In der letzten Woche berichteten wir, wie sich die Entwicklungszusammenarbeit bis in die 70er Jahre entwickelt hat. Wir sprachen von der Begrifflichkeit der "New Deals", die Roosevelt prägte, vom Wirtschaftswachstum und der damit einhergehenden Vernachlässigung der Entwicklungszusammenarbeit, von finanziellen Einbrüchen und dem Begriff der "nachhaltigen Entwicklung". In dieser Woche widmet sich der Beitrag den 80er Jahren bis heute. Wie hat sich die Bedeutung der Entwicklungszusammenarbeit in der Gesellschaft verändert, wie nehmen wir die einstige Entwicklungshilfe heute wahr?
Die Einsicht über die Grenzen des Wachstums führt zu einem neuen gedanklichen Ansatz. Begriffe wie Sparsamkeit, Sicherung der Grundbedürfnisse, Umverteilung im Lande und die Schaffung selbst erwirtschafteten Einkommens bestimmen in den achtziger Jahren die klassische Entwicklungszusammenarbeit im Rahmen klar beschriebener Projekte. Diese Projekte sollen "Leitbilder" sein und sie sollen vielfache Verbreitung und Nachahmung in den jeweiligen Ländern finden.
Doch schon in Cancun will der Norden nicht mehr mitmachen und selbst die führenden Schichten armer Länder stehen diesem Ansatz ablehnend entgegen. Zum Mainstream dieser Dekade wird der Neoliberalismus. Der internationale Markt ist weitgehend offen und jeder kann sich Orte des Wachstums aussuchen. Der Markt soll es nun richten – international. Die Folge für die Projekte der Nichtregierungsorganisationen: Entwicklungszusammenarbeit orientiert sich nicht mehr primär an den Grundbedürfnissen der Menschen. Jetzt geht es um strukturelle Anpassungen: Die Märkte sollen ihre Kräfte frei entfalten können, der Staat soll sich zugunsten fortschreitender Privatisierung zurück ziehen. Entwicklung geschieht nun – so das Verständnis – durch florierenden Außenhandel. Die Welt wird ein globaler, heiß umkämpfter Markt, doch weder verbessert sich die Umverteilung, noch wird die Armut wesentlich zurück gedrängt. Denn die Hälfte der Menschheit hat keine Möglichkeit, sich an diesem Weltmarkt zu beteiligen, ihr fehlt einfach das Geld, die Kaufkraft.
Natürlich wurde gleichzeitig auch kritisch nachgedacht: Der Brundland-Bericht (1987) prägt den Begriff einer "Nachhaltigen Entwicklung", denn ein freies Wachstum führt zu Wildwuchs und verstärkt die Ungleichheiten in der Welt. Alfred Herrhausen mahnt daher Schuldenerlass für die armen Länder an, die unter der Zinspolitik auf keinen "grünen Zweig" kommen können. Mit seinen Worten klingt die Dekade aus, der Mahner wird ermordet. Die Analysen stimmen, die Umsetzungen werden durch die Interessen der einzelnen Staaten blockiert.
Die neunziger Jahre werden gemeinhin als "verlorene Dekade" der Entwicklungszusammenarbeit dargestellt. Das mag auch stimmen – Aber: Man darf nicht übersehen, dass dieses Jahrzehnt vom Zusammenbruch des Kommunismus, dem Zerbrechen der Sowjetunion und dem Entstehen neuer, souveräner Staaten bestimmt war. Die Prozesse um den Zerfall Jugoslawiens muss man in diesem Zusammenhang sehen. Es war die vielleicht prägnanteste Zäsur der gesamten Nachkriegszeit, deren Auswirkungen uns noch immer stark beeinflussen. Die neuen Themen heißen nun: Friedliche Zusammenführung der Völker, humanitäre Hilfe und eine Entwicklung, welche die Staaten in eine Annäherung des Lebensstandards bringt, um Spannungen und Migration zu vermeiden. Demokratisierung, gute Regierungsführung – auch bei der Regulierung der Wirtschaft (denn die Grenzen des Neoliberalismus waren sichtbar geworden). Diese neuen Aspekte fließen nun auch in die Entwicklungszusammenarbeit und in die staatliche Mittelvergabe ein. Und das in einer Situation, wo es in den Entwicklungsländern gerade lichterloh brennt: Somalia versinkt im Chaos, die Kurden sind auf der Flucht, Völkermord in Ruanda – der Friede in der Welt ist erschüttert. Menschwürde und Menschenrechte sind mit Füßen getreten. Für diese und weitere Länder West- und Zentralafrikas waren es wirklich verlorene Jahre, denn die Gegensätze und Disparitäten haben sich international aber auch in den Ländern selber verschärft. Durch diese Erfahrungen kam es wieder zu einem Umdenken.
Mit dem Beginn der 2000-er Jahre standen nach diesen Schrecknissen Aspekte der Menschenrechte im Fokus. Auf soziale und politische Konflikte wurde nun direkt reagiert oder interveniert. Das hatte auch Einfluss auf die Entwicklungszusammenarbeit. Bevorzugt gefördert wurden Projekte, die sich mit Frauenrechten, Kinderrechten, Recht auf Bildung, Recht auf Selbstbestimmung befassten. Nachdenkliche Stimmen wie von Amartya Sen oder Deepa Narayan setzen dabei neue Akzente in der Betrachtung der lokalen Lebensumstände und der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und brachten eine neue Qualität in die Denkweise. Diese Aspekte und die Erfahrungen aus der erfolglosen Vergangenheit führten zur Verfassung der Millennium Development Goals. Hier wurde der Versuch unternommen, die beiden Leitmotive "nachhaltiges Wachstum" bei der Weltbank und nachhaltige Entwicklung im Bereich der sozialen, politischen Sicherheit zu verbinden.
Das alles hört sich vernünftig und ehrenhaft an. Wer wollte den sich stets der Weltlage anpassenden Parametern widersprechen? Jedoch brachte diese Dekade ein lange schon unter der Oberfläche wachsendes Geschwür zum Ausbruch und wurde nun allen sichtbar: Die Verschuldung der Entwicklungsländer – seit 50 Jahren stillschweigend hingenommen – wurde von der Verschuldung der entwickelten Staaten noch übertroffen. Banken und Staaten erwiesen sich als zahlungsunfähig oder "bankrott" – zu lange wurde "auf Pump" gewirtschaftet oder einfach Geld nachgedruckt, um liquide zu bleiben. Die im Umlauf befindlichen Geldmengen repräsentierten keine realen Gegenwerte mehr. Gewiss, man kann diese Vorgänge als Phänomene eines stets schwankenden Finanzmarktes interpretieren, der schlimmstenfalls in einer Währungsreform, einem Zusammenbruch aller Forderungen und Verbindlichkeiten endet und dann wird neu angefangen. Nur: Das Spiel hat dann immer noch die gleichen Regeln und die gleichen Prognosen.
Was die Situation eigentlich prekär macht ist nicht so sehr der Kapitalmarkt, die Finanzwirtschaft oder das marode Bankenwesen. Problematisch ist das Zusammentreffen mit der tatsächlichen Welt und ihrer ungelösten Herausforderungen: Bevölkerungswachstum, sichere Versorgung mit Nahrung und Wasser, Energie- und Rohstoffquellen – nur diese drei Komplexe mögen hier beispielhaft ausreichen, um ein realistisches Gesamtbild für die Verteilungs- Kämpfe der kommenden Jahre zu erhalten.
Wie soll es nun in der zweiten Dekade des 21. Jahrhundert und nach 2015 weitergehen? Dieser Frage werden wir uns in den kommenden Wochen widmen.